Techno

Kaum eine Stilrichtung der letzten fünf Jahrzehnte hat die Musikkultur so nachhaltig verändert wie der Techno. Bis zum Aufkommen der rhythmusbetonten elektronischen Musik folgte quasi jedes Stück den Strophe-Refrain-Schema und musste sich, um populär zu werden, vor allem durch eine einprägsame Melodie auszeichnen. Techno fegte dieses Muster mit stampfenden Beats zur Seite. Dank immer preiswerterer Technik zum Erzeugen elektronischer Musik wurde Techno schlussendlich zu einer Massenbewegung, die es auch Laien ohne musikalische Erfahrung ermöglichte, eigene Stücke zu komponieren. Die Möglichkeit der einfachen Vervielfältigung per gebrannter CD und heutzutage im Internet haben weiter dazu beigetragen, Techno zu einem globalen Phänomen zu machen.


Wenn Carl Cox auflegt, hält es Niemanden auf dem Stuhl

Techno – Ein Kind mit vielen Müttern und Vätern

Musikalische Wurzeln des Techno lassen sich zahlreich ausmachen. Dazu zählen die elektronische Avantgarde der 1960er, hier ist insbesondere Karlheinz Stockhausen zu nennen, ebenso wie die deutschen Kraftwerk, Jean-Michel Jarre (Frankreich) und Brian Eno (Großbritannien), die in den 1970ern die Syntehsizermusik popularisierten, die Schweizer Yello oder die Detroiter Techno-Pioniere Juan Atkins (Cybotron), Derrick May (Mayday) und Kevin Saunderson. Nicht zu vergessen die frühen EBM-Bands, Acid House, die englischen Cabaret Voltaire oder die Industrial-Erfinder Throbbing Gristle, die mit ihren stampfenden, monotonen Rhythmen manchen späteren Techno-Produzenten beeinflusst haben dürften.

Den Begriff Techno selbst hat offenbar Juan Atkins geprägt, als er auf die Frage eines Journalisten, wie der denn seine Platte „Techno City“ einstufen solle, meinte: „call it techno!“. In Europa galt Techno lange Zeit als Sammelbegriff für alle Arten elektronischer Musik von Depeche Mode bis hin zur House-Musik.


Einblick in die Hamburger Szene (1992-1995)

Tanz bis zur Ekstase

In England entstanden Ende der 1980er aus den Acid Music-Partys immer gigantischere Veranstaltungen, so genannte Raves. Während anfangs meist ein, zwei DJs den ganzen Abend auflegten und alle Stile querbeet spielten, kam mit dem Mayday in Deutschland erstmals ein Partykonzept auf, bei dem möglichst viele Plattenunterhalter sich die Regler in die Hand gaben, auch um mit vielen Namen werben zu können. Recht schnell wurde Techno in Form von HipHop- oder Pop-Hybriden auch kommerziell erfolgreich. Vermarktet wurde diese Spielart unter dem Begriff Dancefloor.

Die stilistische Vielfalt des Techno ist heutzutage kaum noch zu überblicken, auch Dank der Weiterentwicklung in der Computertechnik und den daraus resultierenden Möglichkeiten der Soundmanipulation und der Produktion. Da immer mehr Technojünger sich an der Produktion eigener Tracks versuchen, hat die Qualität auch merklich nachgelassen bzw. wird es immer schwerer, in der Masse an Veröffentlichungen die Perlen herauszufinden. Technolabel wie Warp, Tresor Records oder BPitch Control sorgen mit einem typischen Sound für Orientiertung und konnten sich auch in Zeiten von mp3 und filesharing eine eigene, treue Fangemeinde erhalten.

Ihre größte Popularität erlebte die Techno-Musik mit der Entwicklung der Berliner Loveparade zum Massenevent. In ihren Hochzeiten beteiligten sich weit über einen Million Menschen an dem Technoumzug. Der Verkauf der Namensrechte an einen Geschäftsmann und die Verlagerung in den Ruhrpott beeinflussten die Attraktivität der Veranstaltung nachhaltig negativ, die Massenpanik in Duisburg mit 21 Toten und über 500 Verletzten bedeutete das zumindest vorläufige Aus für die Loveparade.
Insgesamt bleibt zu konstatieren, dass der große Technoboom abgeflaut ist und die Riesen-Raves wesentlich weniger geworden sind, mit Ausnahme einiger Festivals wie Nature One, die sich etablieren konnten. Jedoch gibt es noch immer zahllose, gut besuchte Technoclubs – quasi die Discos der Neuzeit – und einen aktiven Techno-Underground – der sich wie in den Anfangstagen meist in stillgelegten Fabrikgebäuden trifft. Zudem hat die elektronische Tanzmusik tiefe Spuren in der Populärkultur hinterlassen. Musikalisch passiert im Techno in der Free-Tech-Szene, bei Drum’n'Base und im vom Reggea beeinflussten Dubstep derzeit wohl am meisten.


Ein Hit 1997: Members Of Mayday – Sonic Empire

Kreativtät und Uniformität

Die Anfänge der Techno-Bewegung sind vergleichbar denen der Hippie-Bewegung: Freie Liebe, exzessiver Drogenkonsum und Grenzerfahrungen wie Tanzen bis zur Ekstase gingen mit dem Aufstieg des Techno einher. Während die Hippies drei Jahrzehnte zuvor aber zuvor auf natürliche Stoffe und Ethno-Muster setzen, stand im Techno stets Künstlichkeit im Mittelpunkt der Selbstinszenierung. Plastik-Ästhetik und Fetisch-Stile spielten eine wichtige Rolle ebenso wie Sportswar vergangener Epochen oder Science Fiction-Outfits. Gasmasken, auf den Rücken geschnallte Staubsauger, orangene Warnwesten, selbst gebastelte Brillen oder gigantische Moonboots gehörten anfangs zu den unverzichtbaren Outfits einer vor Individualität und Kreativität nahezu berstenden Szene. Tatsächlich gilt die Technoszene als erste Jugendkultur ohne eine sie eindeutig ausweisende Mode. Der Grundsatz hieß: Anything goes. Der Stilmix wurde quasi zum Stilmittel schlechthin, das Experimentieren mit den verschiedenen Versatzstücken zum Ausdruck der individuellen Vorlieben. Besonders beliebt waren immer starke Farben, Neon-Accessoires und -Stoffe, die im Schwarzlicht der Clubs leuchteten, entfremdete Berufskleidung. Gern gespielt wurde auch mit dem Geschlechterrollen: Männer in Röcken und androgyne Frauen gehörten lange Zeit ganz selbstverständlich zur Technokultur. Kein Mode Magazin kam in der Hochzeit des Techno an dieser kreativen Explosion vorbei.
Zeitweise zeigte sich die individuelle Szene jedoch auch wieder sehr uniformiert: mit weißen Handschuhen, Zipfelmützen, Trillerpfeifen, Schlaghosen etc. Später kamen Nylon-Steppwesten, Neopren-Jacken und Plateauschuhe hinzu. Damals kamen auch zahlreiche Accessoires wie Ketten, Ringe und Armreifen in Gebrauch, möglichst quietschebunt und überdimensioniert, die man heute noch immer sieht. Nicht zu vergessen die passenden Accessoires zum Musikhören wie WESC Kopfhörer, die gern auch richtig auffällig sein dürfen.


Culture Beat: “Techno” fürs Volk – Und es hat Bumm gemacht

Von Nackt bis Club Wear

Im Gegenzug erfolgte eine immer stärkere Sexualisierung des Outfits, die Kleidung wurde auf ein Minimum reduziert: Netzhemden, eng anliegende Bodies oder Radlerhosen, durchsichtige Stoffe, Mini-Mini-Röcke, tiefe Dekolletes oder gar nackte Oberkörper. Dieser Entkleidungstrend, der in den heißen Tanzlokalitäten sicher auch einen ganz praktischen Grund hatte, konnte sich abseits der Clubs oder des Schutzes massenhaft gleichgesinnter wie bei der Loveparade im bürgerlichen Alltag selbstverständlich nicht durchsetzen.
Technoaffine Designer schneiderten der Subkultur ihre Mode bald auf den Leib. Nach anfänglichem Desinteresse erkannte auch die Industrie den Trend und verdiente mit „streng limitierten“ und sehr teueren Designerstücken ebenso wie mit Massenprodukten von dem Trend. Die hedonistische, konsumfreudige Technoszene erweis sich schnell als wahrer Goldesel. Auch heute, nach Ende des großen Techno-Booms existieren noch zahlreiche Fashion-Label, die sich auf die dauertanzenden Fans spezialisiert haben. Die Kleidung, oftmals unter Verwendung von Hightech-Materialien hergestellt, findet heute unter der Bezeichnung Club Wear recht erfolgreich Absatz.


Sven Väth rockt die Massen (2010)

Schrill, schriller, Techno

Typisch für Techno war und ist zum Teil noch das schrille MakeUp mit fluoreszierenden Lippenstiften und häufig auch falschen Wimpern. Bei den Frisuren dominierten kurze, aufgestylte Haare mit starker Blondierung oder blondierte Spitzen. Beim weiblichen Teil der Szene lagen lange Zeit „Multicolor-Strähnen“ im Trend. Zudem wurden einzelne Haarsträhnen mit einem meist blauen Mascara-Stift in die Haare gezogen.

Heutzutage gibt es auch diesbezüglich keine klare Linie mehr – anything goes. Insgesamt ist der Techno-Mainstream auch optisch angepasster und stylischer geworden. Anders als bei z.B. Punk oder Metal sieht man den wenigsten jungen Menschen ihre Szenezughörigkeit sofort an. Insider können anhand bestimmter Dresscodes jedoch erkennen, wer zu welcher Subszene gehört.

Weit verbreitet im Techno ist jedoch ein gewisser Körperkult, der sich nicht nur un durchtrainierten Szenegängern sondern auch in deren zahllosen Tätowierungen, Piercings und Body Modifications wiederspiegelt.


Plastikman aka Ritchie Hatwin, einer der angesagtesten DJs der Szene

2 Responses to Techno

  1. admin says:

    Hier noch zwei interessante Artikel aus dem Fokus-Archiv (von 1994), als der Mainstream den Techno für sich entdeckte und die echte Kommerzialisierung ins Rollen kam:
    http://www.focus.de/kultur/leben/modernes-leben-dr-techno-mr-style_aid_149819.html
    http://www.focus.de/kultur/leben/modernes-leben-techno_aid_147405.html

  2. Jugen und Mode says:

    Die MayDay feiert am 30. April ihren 20. Geburtstag:

    http://www.virtualnights.com/blog/390776_mayday-2011-twenty-young

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