Es gibt kaum eine so übel beleumundete Jugendkultur wie die der Skinheads. Der Ausdruck „Skinhead“ wird noch immer – insbesondere von den etablierten Medien – als Synonym für glatzköpfige, rechtsradikale Schläger benutzt. Mit echten Skinheads haben diese Verirrten aber nichts zu tun, zum einen, weil die sich als unpolitisch empfinden, zum anderen auch weil die Wurzeln der Bewegung kaum weiter vom Rechtsextremismus entfernt sein könnten. Die ersten Skinheads waren weiße Arbeiterkinder, die im England der 1960er Jahre gemeinsam mit ihren schwarzen Nachbarn feierten, fasziniert von deren Kultur und dem lässigen Lebensstil. Viele der Einwanderer stammten aus Jamaika, getanzt wurde zu Bluebeat, Rocksteady, Ska, Reggae und Northern Soul.
Als Anfangsjahr der Skinheadbewegung gilt 1969, auch wenn es sicher schon vorher junge Menschen gab, die den beschriebenen Kleiderstil pflegten. Aktivisten, die die mittlerweile sehr heterogene Szene gern wieder zu ihren Ursprüngen zurück kehren sähen, beschwören deshalb gern den „Spirit of 69“. Die Welt der ersten Skinheads, die sich gern als ehrliche Malocher inszenierten, ist eher überschaubar: Sex, Saufen, Partys, Randale. Man will anti-bürgerlich sein, beim Fußball „kämpft“ man für seinen Verein.
Nachhaltigen Eindruck auf die weißen Kids hinterließen die „Rude Boys“, ehemalige Mitglieder der Straßengangs aus Kingstons heruntergekommensten Stadteilen, deren gefährliches Auftreten und Kleidungsstil sofort Anhänger fand. Viele der späteren Skinheads teilten als Mods (Modernists) die Vorliebe der Rude Boys für schicke Klamotten und Musik wie Soul und Ska. Doch das änderte sich mit dem Einfluss der so genannten Boot Boys, den Vorgängern der Hooligans. Obwohl anhand der sonstigen Kleidung nicht einer Szene zuzuordnen, verband die ihre Liebe zu festem Schuhwerk, vor allem Kampfstiefel, die als Waffe im „Kampf“ mit gegnerischen Fans beliebt waren. “Freude” an der Gewalt gab aber es in allen drei Subkulturen.
Mit der Zeit wanden sich immer mehr Mods, die den Skinheads Motorroller und Ska-Musik “vererbten”, dieser Szene zu und vernachlässigten dabei den gehobenen Kleidungsstil. Die typischen derben, bis zu den Knöcheln aufgekrempelten Blue Jeans, grobe Flanellhemden und eine Kurzhaarfrisur setzten sich durch.
Die Skinheads gaben sich stets betont proletarisch – auch in Abgrenzung von den als arbeitsscheu und spinnert empfundenen Hippies, trugen schwere, feste Arbeitsschuhe statt Jesuslatschen, Hosenträger und Karohemden. Obwohl damals lange Haare schwer in Mode waren oder genauer gesagt „weil“, schoren sich die Kids den Schädel auf Haarlänge von ein bis zwei Zentimetern – „Glatzen“ waren damals nicht üblich. Darin kam auch die typische Protesthaltung der Skinheads zum Ausdruck – gegen Mainstream, Kommerz, Vereinnahmung. Nicht zuletzt war der „Skinhead“ auch die ideale Frisur für eine der Lieblingsbeschäftigung der Szene: Sich mit anderen Cliquen zu prügeln. Politische Hintergründe für diese erlebnisorientierte Freizeitgestaltung gab es am Anfang noch nicht, auch wenn die Gegner mal Schwarze oder Kids aus anderen Stadtteilen waren.
Egal welche Generation Skinheads man betrachtet, so blieb dieses Martialische und der Stolz auf die Herkunft aus der Arbeiterklasse stets entscheidend. In den 1970er Jahren waren Bomberjacken in olivgrün angesagt, später Donkey- oder Harringtonjacken. Zudem trugen Skinheads einige ausgewählte Markenklamotten wie Polohemden von Fred Perry oder Levis Jeans.
Der Marke Fred Perry kommt in der Skinhead-Szene eine besondere Bedeutung zu. Ihr Namensgeber gilt als Held, da der Tennisspieler als erstes Kind der Arbeiterklasse 1934 und später zwei weitere Male das Wimledon-Turnier gewann. Perry, der in die USA auswanderte und erst 1947 nach England zurückkehrte, ärgerte sich darüber, dass die Tennisspieler in grünen Armeehemden auf dem Platz standen. Er schenkte ihnen weiße Hemden, damals noch ohne das bekannte Lorbeerkranz-Logo. Das wurde erst später als Dank für den Stifter eingeführt.
Neben der Traditionsmarke sind bei Skinheads Klamotten von Lonsdale, Alpha Industries, Pitbull oder die Button-Down-Hemden von Ben Sherman angesagt. Viele dieser Marken mussten lange mit einem rechten Image kämpfen, weil Neonazis die Kleidung bevorzugt trugen. Mittlerweile hat sich die Rechtsaußenfraktion jedoch eigene Marken geschaffen, die keine Fragen mehr offen lassen (CoNSDAPle, Doberman, Masterrace).
Eine besondere Rolle hatte bei den Skinheads immer das Schuhwerk. Anders als häufig falsch kolportiert waren die bevorzugten Treter keine Springerstiefel sondern „Doc Martens“, Arbeitsstiefel für die Londoner Hafenarbeiter. Da die mittlerweile zu einer begehrten und nicht mehr ganz so billigen Marke geworden sind, finden auch einfache Arbeitsschuhe Verwendung wie die Commando Boots – Einsatzschuhe aus Textilien und teilweise mit Leder besetzt – oder Halbschuhe mit Lochmuster, so genannte Brogues.
Zu Schuhen gehören meist Schnürsenkel und dies sind im Zusammenhang mit der Skinhead-Bewegung ein besonders heikles Thema. Jahrelang hielt sich die Mär, dass anhand der Farbe der Schnürsenkel die „Gesinnung“ eines Skinheads zu erkennen sei. Weiße Schnürsenkel = White Power = Neonazi, rote Schnürsenkel = Red Skin oder Sharp Skin (s. weiter unten). Das ist im Großen und Ganzen aber ziemlicher Quatsch. Diese Zuordnung ist eine Erfindung der Medien, die jedoch als „selbsterfüllende Prophezeiung“ im Nachhinein teilweise wahr wurde: Gerade Neueinsteiger in die Szene nahmen die Gültigkeit dieser „Codes“ für bare Münze.
Schmuck spielte bei Skinheads nie eine große Rolle, allein schon deshalb, weil Ringe oder Ketten als unmännlich galten und im Falle eines Kampfes eine Verletzungsgefahr für den Träger darstellen. Da Skinheads aber genauso eitel sind wie andere Menschen auch, fand die Szene in Tätowierungen ihren Ausgleich. Praktisch an den Hautbildern war zudem, dass diese lange Zeit auch als Ausdruck des Antibürgerlichen galten.
Angriff von rechts
Die Gemeinsamkeit zwischen schwarzen und weißen Skinheads beginnt im Zuge der so genannten Reggae Wars, Anfang der 1970er zu bröckeln. Während sich die schwarzen immer stärker einer sich politisierenden Reggea-Szene zuwenden, finden sich die weißen in dieser Musik nicht mehr wieder. Zudem wird Reggae von Peter Tosh, Bob Marley etc., also von „Hippies“ okkupiert – Skinheads lehnen den propagierten Marihuana-Konsum rundweg ab – , so dass die schnellere, rauere Variante der jamaikanischen Klänge, der Ska zu ihrer Musik wird. Plattenlabel wie „Trojan“ oder „TwoTone“ bedienten diese Szene, deren Helden Bad Manners, Madness und vor allem Judge Dread heißen.
Auftrieb erhalten die Skinheads nach einigen Jahren der Flaute wieder durch die Punk-Bewegung. Musikalisch war dies die Zeit des Bombast-Rock und Punks wie Skinheads setzten dem ihre rauen, künstlerisch wenig anspruchsvollen Songs, oftmals gespielt von musikalische Dilettanten, entgegen: Rohe Energie statt konzeptioneller Wohlklang, direkte Reflexion des Alltags statt quietschbunter Märchenwelten.
Anfangs waren Punk- und Skinhead-Szene sehr eng verbunden und die Mitglieder wechselten oft zwischen beiden Lagern. Typische Elemente der Punk-Kultur hielten bei den Skinheads Einzug, so wie ein kurzer Irokesenhaarschnitt. Die Norm sind jedoch noch immer kurz geschorene Haare, nur wird der Rasierer jetzt ein ganzes Stück tiefer angesetzt. Musikalisch hält bei den Skinheads die Oi!-Musik Einzug, schnell gespielter Punkrock, gemischt mit Ska, Reggae und Pub Rock. Der Ausdruck „Oi!“ leitet sich dabei wahrscheinlich von den Schlachtrufen der Fußballfans ab. Überschneidungen zwischen der Skinhead- und der Hooliganszene existieren schon seit den Anfangstagen.
Anfang der 1980er Jahre beginnt der Einfluss von National Front und British National Party auf die Skinhead-Bewegung zu wachsen. Die politischen Rahmenbedingungen sind zur Regierungszeit von Premierministerin Margaret Thatcher für die einfachen Briten katastrophal: Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, Steuererhöhungen, Sozialabbau, rücksichtslose Privatisierung – idealer Humus für rechtsradikale Ideologen, der auch viele Skinheads in die Arme der Neonazis treibt und die gesamte britische Jugendkultur nachhaltig in zwei Lager spaltet. Rechte Skinheads sind dabei oft an ihrer Totalglatze zu erkennen, und werden von den echten Skins als „Boneheads“ (Dummkopf, Holzkopf) bezeichnet.
Nicht ganz unwesentlichen Anteil an einer Hinwendung eines Teils der Skinheadkultur nach rechts dürfte auch Skin- und Punk-Sampler namens “Strength thru Oi!“ gehabt haben, den die etablierte Musikzeitschrift Sound herausbrachte. Der Titel lehnte sich an den Slogan der NS-„Freizeit“-Organisation „Kraft durch Freude“ / „Strength Through Joy“ an, auf dem Cover war ein einschlägig bekannter englischer Rechtsradikaler abgebildet. Tatsächlich wurde Oi! dann auch die bevorzugte Ausdrucksform der Fascho-Skins, Stuart Donaldson und seine Band Skrewdriver waren die ersten, welche die Musik als Propaganda-Plattform nutzen.
Über die ganzen 1980er und 1990er bestimmen die rechtsradikalen Skinheads in ganz Europa das Bild der Szene, auch weil sie sich mit ihrem Aussehen wunderbar als Feindbild der Medien eignen. „Glatze, Springerstiefel, Neonazi“ lautet die simple Formel, mit der sich Zeitungsauflagen und Einschaltquoten erhöhen lassen. Weitgehend unbeachtet vom Mainstream bilden sich innerhalb der Szene Gegenbewegungen wie SHARP (Skinheads Against Racial Prejudice – Skinheads gegen rassistische Vorurteile) oder die Red Skins heraus, die eine dezidiert linke politische Weltsicht vertreten. Die Gruppe der „unpolitischen“ Skinheads wird im Kampf zwischen diesen Lagern quasi aufgerieben. Viel Aktivisten kehren der Szene den Rücken. Erst in den 2000er Jahren normalisiert sich die Situation wieder und im Rahmen eines der zahllosen Ska-Revival sieht man auch Skinheads wieder friedlich mit anderen Jugendlichen feiern.
Echte Männer und ihre Frauen
Zentrales Element des Skinhead-Seins ist die Männlichkeit, das Idealbild der körperlich schwer arbeitende, ehrliche Mann, der seine Familie ernährt und am Wochenende die Sau rauslässt. Seit jeher spielt ein ausgeprägter Körperkult eine Rolle, ebenso wie eine gewisse Uniformierung. Kein Wunder, dass dieses Selbstbild Anknüpfungspunkt sowohl für rechtsradikale Ideologen genauso wie für einen schwulen Fetisch bot. Die „echten“ Skinheads wollen mit beidem nichts zu tun haben.
Doch wie steht es um Frauen in der Skinhead-Bewegung? Selbstverständlich gibt es die auch. Optisch fallen die vor allem durch ihren ungewöhnlichen Haarschnitt auf, den „Chelsea cut“ oder „feather cut“: Auf dem Schädel werden die Haare kurz rasiert, um das Gesicht herum läuft ein Kranz aus langen Strähnen. Die Skinhead Girls grenzen sich damit von weiblichen Schönheitsnormen ab, signalisieren Stärke und Unangepasstheit.
Insgesamt herrscht in der Skinhead-Szene ein eher traditionalistisches, oftmals gar sexistisches Frauenbild vor. Insbesondere bei den rechten Skins hat die Frau nicht viel zu melden. Doch auch andere Teile der Skinhead-Szene sind kein Ort für blümchenliebende Träumerinnen. Wer in der Szene Achtung will, der muss sich durchsetzen – das gilt für Frauen in besonderem Maße.
Quellen: Wikipedia deutsch & englisch
Du sollst Skinheads nicht mit Nazis verwechseln
Die Geschichte der Skinheads
Der Dude des Ska
Skinhead – Gefahr von rechts?
Hier mal ein ganz extremer Nazi-Skin.
http://www.youtube.com/watch?v=5adrwjQwpCo
Hier eine Doku zum legendären 2Tone-Label
http://vimeo.com/27951838