Schwarze Szene

Es gibt wohl kaum eine Jugendszene, die so differenziert ist, wie die „Schwarze Szene“. Das gilt für modisches Äußeres und musikalische Vorlieben gleichermaßen. Musikalisch reicht das Spektrum der szenegängigen Sounds vom handgemachten Folk über Synthiepop bis hin zu Industrial oder Black Metal. Dementsprechend zeigen sich auch die Kleidungsstile bunt: vom Mittelalter-Kostüm über den Bela Lugosi-Look bis hin zu Versatzstücken aus Uniform und SM-Kleidung. Nicht zu vergessen die Cyber Goths mit ihren Accessoires in Neonfarben.

My Colour is black



The Virgin Prunes: Eine der ersten bands, die den typischen Gothic-Look trugen.

Schwarz war lange Zeit die dominierende Farbe der Gothic-Szene und sie ist es bis zu einem bestimmten Grade noch immer. Die ersten Bands, die dem Genre zugerechnet werden, sind die englischen Bauhaus, Siouxsie & The Banshees, The Sex Gang Children und The Virgin Prunes aus Dublin; als wichtige Vorläufer gelten Joy Division aus Manchester. All diese Gruppen haben ihre Wurzeln in der Punk-Szene und bezogen sich musikalisch auf diese, weshalb ihre Musik anfangs auch als Post Punk bezeichnet wurde. Während Joy Divison noch einen sehr bürgerlichen Kleidungsstil pflegten, der sich an den 1940er Jahren orientierte, fielen ihre Kollegen schnell durch exklusive Outfits auf, die problemlos für einen Auftritt in einem Horrorfilm getaugt hätten, passend zum Ausdruck „Gothic“, der im Englischen für „schaurig“ steht. Blass geschminkte Gesichter, schwarz umrandete Augen, schwarz lackierte Fingernägel, ein blutroter Mund wurden zum Markenzeichen, ebenso wie die ungewöhnlichen Frisuren. Robert Smith von The Cure, der Vielen lange Zeit als Vorzeige-Gothic galt, trug zwar nicht als erster die typisch auftoupierten Haare, machte diesen Look aber extrem populär. Mit seinem Kleider-Stil, weißes Hemd unter schwarzem, viel zu großen Pullover, schwarzen Jeans und weißen Turnschuhen unterschied sich der Cure-Frontmann doch schon ein wenig vom harten Kern der Szene. Der trug meist weite schwarze Mäntel und Hosen und dazu lange, spitze Schuhe, so genannte Pikes. Nicht fehlen durften zahllose Ketten, Armreife und Ringe, bevorzugt mit okkulten Symbolen verziert. Daneben gab und gibt es noch immer viele Gothics, die sich optisch am Punk orientieren: schwarze Lederjacken, Stiefel, zerrissene T-Shirts und Strumpfhosen, Irokesen-Haarschnitt oder Undercuts.



Robert Smith und seine Mannen waren lange Zeit optisch das Maß der Dinge.

Während Robert Smith und seine Band in den letzten Jahren insgesamt etwas “fröhlicher” geworden sind, gehört die Beschäftigung mit Tod, Zerstörung und Wahnsinn aber auch die romantische Verklärung des vorindustriellen Lebens zu den Konstanten in der Schwarzen Szene, deren Anhängern ganz gern vorgeworfen wird, rückwärtsgewandt zu sein. Doch ist die Sehnsucht nach einem besseren, einfacheren Leben in einer zunehmend komplexeren und kälteren Welt nicht verständlich? Anders als zum Beispiel die Punks reagieren die “Schwarzen” auf diese Veränderung im Allgemeinen nicht mit Verweigerung und “Rebellion” sondern mit dem Rückzug ins Private.



Goethes Erben: Von vielen als “Neue Deutsche Todeskunst” bezeichent.

Abwechslung ist alles!

Die Gothics sind heute nur noch ein kleiner Teil der weitgefächerten „schwarzen Szene“; so wie der Gothic Rock also die Musik von Bands, die sich in der Tradition von Bauhaus, Fields Of The Nephilim, Love Like Blood etc. sehen, nur noch eine Strömung unter vielen ausmacht. Die vorherrschenden Stile sind allesamt elektronischer Natur, vieles ist nur noch aufgrund des Auftretens der Protagonisten vom musikalischen Mainstream und typischer Club-Musik zu unterscheiden. Und auch modisch ist die Szene wesentlich “kommerzieller” geworden. Während früher viele Gothics ihre Kleidung selbst entwarfen und schneiderten, trägt der Mainstream der Szene heute eigens für die Zielgruppe hergestellte Mode aus dem Katalog – die zunehmende Popularisierung der Schwarzen Szene seit Mitte der 1990er Jahre hat hier diverse Anbieter auf den Plan gerufen.
Nicht geändert hat sich, dass ein Großteil der Szene extrem großen Wert auf sein Äußeres legt, dementsprechend intensiv beschäftigen sich die „Schwarzen“ mit ihrem Styling, das vom Kopf bis zum Fuß stimmig sein muss. Die Selbstinszenierung als wahlweise Fee, Vampir, wahnsinniger Serienmörder oder Edelmann ist wichtiger Teil des Szenelebens.
Besonders beliebt in der Schwarzen Szene sind Lack- und Lederbekleidung, die sich stilistisch an die BDSM-Mode anlehnt, ohne dass die Träger unbedingt entsprechende sexuellen Vorlieben pflegen. Nietenhalsbänder, Ketten oder Handschellen dienen vor allem als Schmuck bzw. auffällige Accessoires.
Seit einigen Jahren– einhergehend mit der zunehmenden Beliebtheit von Bands wie In Extremo, Tanzwut oder Subway To Sally – hat auch das Interesse der Szenegänger für mittelalterliche Kleidung zugenommen. Insbesondere auf Festivals sieht man die Fans wahlweise prächtige Kleider oder „alltagstaugliche“ Mittelaltermode wie Leinenhemden und Mönchskutten tragen. Dieser Stil vermischt sich zudem oft mit aktuellen Fantasy-Trends und Kostümierungen aus Rollenspielen.


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Mittelalter reloaded: Die Begeisterung in der Szene ist groß.

Zu den „älteren“ Musikstilen, die im weiteren Sinne der Schwarzen Szene zugerechnet werden, gehört die Electronic Body Music, eine stark rhythmusbetonte elektronische Musikrichtung. Deren vor allem männliche Anhänger geben sich recht martialisch; sie tragen schwarze Armee-, Tarn- oder Lederhosen und Schnürstiefel sowie körperbetonende Oberteile wie Muskelshirts. Die Beliebtheit von Leder- und Bomberjacken sowie Polohemden sind auf den Einfluss der Skinhead-Kultur zurückzuführen, zu der es bei genauer Betrachtung mehr Verbindung als zu den Gothics gibt. Die typische Frisur der EBM-Anhänger ist der Flattop, im Deutschen auch als Briketthaarschnitt bezeichnet; ein Bürstenschnitt, bei dem die Haare an den Seiten und am Hinterkopf ausrasiert werden und die übrig gebliebenen Haare einen ansteigenden Block bilden.



EBM: Mit Bands wie Front 242 hielt der Sequenzersound Einzug in die Szene.

Uniformteile sind auch bei den Fans der Industrial-Kultur beliebt, eine Musikrichtung, die ihren Ursprung im Umfeld der britischen Avantgarde-Künstlergruppe Coum hat. Aus selbiger gingen Mitte der 1970er die stilbildenden Throbbing Gristle hervor, die mit ihrer Plattenfirma Industrial Records zudem das erste unabhängige Label überhaupt gründeten. Im Laufe der Zeit bildeten sich zahlreiche Substile des Industrial heraus, die einerseits Einflüsse aus atonaler und experimenteller Musik verarbeiten, andererseits aber auch einer ungebrochenen Maschinenästhetik huldigen und ästhetisch eher dem Techno zuzuordnen sind.



Industrial: Monoton, propagandistisch, provozierend…

DEN verbindenden modischen Stil zwischen all den verschiedenen Untergruppen des Industrial gibt es nicht. Die Vertreter des Genres, die sich inhaltlich häufig mit Themen wie Entfremdung in der post-industriellen Gesellschaft, Massenmord und Wahnsinn auseinandersetzen, pflegen die kompromisslose Ästhetik ihrer Kunst auch in ihrem Äußeren auszuleben und die Fans tun es ihnen gleich. Tattoos, Piercings und andere Body Modifications, die allgemein in der Schwarzen Szene beliebt sind, trifft man deshalb im Industrial-Umfeld besonders häufig an.

Hauptsache Schwarz

Ein abschließendes Wort über die modische Ausrichtung der Schwarzen Szene lässt sich nicht finden. Immer wieder werden neue Stile integriert, so in letzter Zeit die Elemente aus dem Visual Kei ebenso wie aus Splatter- und Horrorfilmen. Die eingangs erwähnten Cyber Goths – vor allem junge Szenegänger, die mit Techno und Raves groß geworden sind – bringen mit ihren auffälligen Look Farbe ins Spiel; musikalisch haben ihre Helden mit den Urvätern der Szene nicht das Geringste mehr zu tun. Das einzige verbindende Element bleibt die Farbe Schwarz und die Tatsache, dass sich Vertreter aller Fraktionen immer wieder auf den großen Festivals der Szene wie dem Wave-Gotik-Treffen in Leipzig begegnen.



Kaum noch zu unterscheiden von typischer Dancefloor-Musik: Hocico aus Mexiko.

2 Responses to Schwarze Szene

  1. Christian Alexander Tietgen says:

    Rückzug ins Private? Das ist Biedermeier, also konservativ, also schlecht. Da gefällt mir die Punk-Attitüde doch besser.

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