Jugendkultur?

Die Begriffe „Szene“, „Jugendkultur“ oder „Subkultur“ werden inzwischen weitgehend synonym benutzt. Kennzeichen einer Szene ist, dass sich Jugendliche unter Gleichaltrigen zusammen finden und hauptsächlich in ihrer Freizeit gemeinsame Interessen ausüben. Erwachsene, Eltern etc., sind diesen Interessen meist wenig verbunden und haben im Allgemeinen auch wenig zu sagen. Ein Großteil der Jugendkulturen sind Musikkulturen, daneben gibt es noch Sport- und Computerszenen. Zur Kultur gehören eigene Musik, eigene Mode, eigene Szenetreffs, eigene Partys. Ein weiteres Kennzeichen von Jugendkulturen ist, dass sie überregional wirken.

Gibt es in jeder Szene soetwas wie ein kleinstes gemeinsames Vielfaches, das die Leute verbindet?

Meist ist es die Musik, dann kommt häufig das Outfit. Bei Computerfreaks hingegen ist das fast immer irrelevant. Verbindend wirken vor Ort auf der Cliquenebene bestimmte Kneipen oder andere Treffpunkte. Es kann aber auch Internetkommunikationsforum sein… Politische Manifeste, die einzelne Jugendkulturen vereinen, gibt es in der Regel nicht. Was zählt ist Zugehörigkeit, Freizeit, Alltag und solche Geschichten.

Wieviele verschiedene Jugendkulturen gibt es in etwa?

Das ist schwierig. Laut Studien der Industrie gibt es über 400 in Deutschland. Aber das sind natürlich sehr feine Grenzen und Schubladen. Dazu zählen zum Beispiel über ein Dutzend Heavy Metal-Stile. Für Szeneangehörige ist diese Differenzierung vielleicht wichtig, für Außenstehende eher nicht. Ich würde sagen, es gibt so 60, 70 relevante Jugendszenen.

Gehören Jugendliche zwangsläufig einer einzigen Szene an oder überschneidet sich das auch?

Man muss davon ausgehen, dass maximal 20 Prozent der Jugendlichen sich wirklich nur mit einer Szene identifizieren, also von sich sagen, dass sie Punker oder Skater sind. Diese 20 Prozent beeinflussen allerdings auch den Großteil der Jugendlichen. Für die Mode lässt sich das gut nachvollziehen. Die, die in den Szenen sind, sind die besonders „Coolen“, die Vorbilder für die Gleichaltrigen.
Das heißt aber nicht, dass man nur in einer Szene sein muss. Man kann ja zum Beispiel gleichzeitig Punker und Skater sein. Überhaupt der Wechsel, die Fluktuation zwischen den Szenen, ist enorm stark…

Klaus Farin, Leiter des Archivs der Jugendkulturen Berlin im Interview mit “debil, Magazin für Lightkultur”

Anmerkung:
Originär deutsche Jugendbewegungen gibt es heutzutage nicht mehr. Die Medien bringen die neuesten Trends aus den USA oder Großbrittanien viel schneller zu uns, als dass sich hierzulande ein Stil bilden könnte.

Nachschlag

“Jugendkulturen befriedigen das Bedürfnis nach temporären Beziehungsnetzwerken, sie bringen Ordnung und Orientierung in die überbordende Flut neuer Erlebniswelten und füllen als Sozialisationsinstanzen das Vakuum an Normen, Regeln und Moralvorräten aus, das die zunehmend unverbindlichere, entgrenzte und individualisierte Gesamtgesellschaft hinterlässt. Sie sind Beziehungsnetzwerke, bieten Jugendlichen eine soziale Heimat, eine Gemeinschaft der Gleichen.”
“Respekt ist nicht zufällig ein Schlüsselwort fast aller Jugendkulturen. Respekt, Anerkennung ist das, was Jugendliche am meisten vermissen, vor allem von Seiten der Erwachsenen. Viele Erwachsene, klagen Jugendliche, sehen Respekt oft als Einbahnstraße. Sie verlangen von den Jüngeren, was sie selbst nicht zu gewähren bereit sind …”

Klaus Farin in “Psychologie & Gesellschaftskritik” 2/2011 (138), Thema Jugendkulturen

 

“Der Sinn einer Jugendkultur ist es, dass die ältere Generation das nicht versteht. Es wird jungen Menschen nicht leicht gemacht: Kommen Totenköpfe in der Mode auf, tragen es auch die 30- 40 Jährigen. Also muss die Jugend, um sich abzugrenzen, immer extremer werden: in Mode, Benehmen, Verhalten.”

Christa Rado, Leiterin der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapeutik am LKH Villach


„Sie [die Jugendkulturen] sind soziale Heimstätten, wo die Jugendlichen Orientierung finden.“

Dr. Christian Glaß, Vorsitzender der Delmenhorster Universitätsgesellschaft

 

“Dass Gemeinschaft und Erinnerung in erster Linie über die Musik herstellbar sind, die man in der Jugend hörte, ist keineswegs neu. Nicht zufällig können Senioren, die sich kaum noch an den Namen ihrer Kinder erinnern, problemlos alte Schlager singen. Bis in die letzte Strophe. Geändert hat sich nur der Stellenwert, der Musik und Produkten und vor allen Dingen denen, die diese kaufen, zugebilligt wird. Marken wurden zum Klebstoff in einer zerfasernden Welt. Und deren Konsumenten zur umworbenen Zielgruppe.”

Volker Corsten, “Nichts als die Jugend“, Welt vom 27.07.2003

 

“Die Zugehörigkeit zu einer jugendkulturellen Szene basiert nicht auf einer offiziellen Mitgliedschaft, sondern funktioniert vielmehr nach dem Prinzip der freiwilligen Selbstbedienung und Identifikation.”

aus einer Studie zum Thema Lifestyle und Szenenzugehörigkeit des Instituts für Jugendkulturforschung

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