Fußball gehört in Deutschland zu den beliebtesten Mannschaftssportarten. Auch wenn in den vergangenen Jahren der Frauenfußball an Bedeutung gewonnen hat, sind des vor allem männliche Jugendliche, die in ihrer Freizeit „kicken“, sei es auf der Straße, auf dem Hartplatz oder auf Rasen. Ob sie damit erfolgreich sind oder nicht, tut meist der Begeisterung für den Sport keinen Abbruch und fast jeder Junge, ob selbst aktiv oder nicht, versteht sich selbst Fan eines kleineren oder größeren Vereins. Eine Vorliebe, die nicht selten das ganze Leben über hält, auch dann noch, wenn die Jugend schon eine ganze Weile zurück liegt. Modisch wird sich diese Präferenz meist nur wenig aus – sieht man vom Tragen von Mannschaftstrikots, Schals und Mützen in den Vereinsfarben mal ab. Die meisten Fans legen diese wohl nur zum Spiel ihrer Mannschaft an, frönen aber im „normalen“ Leben einem anderen Kleidungsstil. Die „Kutte“ – eine mit Vereinsabzeichen und gelegentlich auch Hassbekundungen für den Gegner verzierte Jeansjacke, die in den 1970ern und 1980ern quasi zur Uniform gehörten – sieht man heute nur noch selten.
Verhältnismäßig ausgewogene Darstellung des Problems
Neben den Durchschnittsfans, die am Wochenende zum Fußballspiel gehen oder die Fahne ihres Lieblingsvereins zum Fenster raushängen, vielleicht auch noch selbst im örtlichen Verein aktiv spielen, gibt es zwei Gruppen Fans, die ebenfalls eng mit dem Fußball verbunden sind und sich zum Teil überschneiden, zum Teil einander feindlich gegenüber stehen. Da sind zu einem die „Ultras“, die ihr Fansein mit größter Intensität ausleben und sich als Rückgrat des Vereins begreifen, demzufolge auch bei wichtigen Entscheidungen mitbestimmen wollen.
Als Hooligans werden diejenigen Fußballfans bezeichnet, deren größtes Interesse der „Dritten Halbzeit“, also dem Aufeinandertreffen mit den Fans der gegnerischen Mannschaft oder auch der Polizei gilt.
Hooligans – Prügelknaben der Liga
Der Begriff Hooligan bedeutet so viel, wie „Krawallmacher“, „Raufbold“, Rabauke“. Verschiedenen Theorien zufolge geht der Ausdruck auf eine fiktive, streitlustige irische Familie aus einem Music Hall Song bzw. auf einen „hooley“ (wilden) irischen Bandenführer im London des ausgehenden 19. Jahrhunderts zurück. Benutzt wirt der Ausdruck auf jeden Fall seit den 1890er Jahren für Gruppen von Männern, die nach überhöhtem Alkoholkosnum gewalttätig wurden.. Hooliganismus wurde zum allgemeinen Ausdruck für sinnlose Gewalt, der Hooligan gilt seitdem als zumeist männliches Mitglied einer Gruppe ohne feste Strukturen, der sich durch Vandalismus und Schlimmeres hervortut, absichtsvoll Streit lostritt und Kämpfe provoziert und Unruhen auslöst.
Gewalt, Drogen, Freizeitgestaltung – The Football Factory
Während bereits in den 1950en und 1960ern Rowdytum bei Tanzveranstaltungen in Großbritannien verbreitet war, begann sich der Hooliganismus in den 1980ern immer stärker mit der Fußballfan-Kultur zu verbinden. Schnell bekamen die Gewaltexzesse in den Stadien den Beinamen „The English Disease“ (Die englische Krankheit) – mittlerweile ist das Phänomen überall verbreitet, wo Fußball gespielt wird, also quasi auf der ganzen Welt.
Entgegen mancher Klischees sind Hooligans keine „dummen, sozial unterprivilegierten Schläger“. Neuere Untersuchungen ergaben, dass sich ihren Reihen ebenso Akademiker, Kleinunternehmer und gar Beamte finden. Längst sind Hooligans auch nicht mehr nur jugendlichen Alters.
Auch das, was auf den Außenstehenden wie eine wilde Prügelorgie wirkt, ist oftmals nicht so regellos und spontan, wie es scheint. Ein inoffizieller Kodex regelt, dass z.B. am Boden Liegende nicht mehr geschlagen werden. Lieder hält sich nicht jeder Teilnehmer einer Prügelei daran.
Ein Kultfilm auch in der Hooligan-Szene: “A Clockwork Orange”
Während die Hooligans anfangs vor allem einen ähnlichen Arbeiterklasse-Still wie die Skinheads, mit denen es auch personelle Überschneidungen gab. Schwere Arbeitsschuhe, robuste Jacken, hochgekrempelte Jeans, kurze Haare, kein Schmuck – alles bestens geeignet für den Nahkampf mit dem gegnerischen Fan. Mit dem Einfluss der Casual Subkultur – die ihrerseits ihre Wurzeln in der Raveszene der späten 1980er, frühen 1990er hat und später auch die Britpop- und Indiekultur beeinflusste – hielten teuere europäische Designer Kleidung und Sportkleidung in der Szene Einzug. Viele Fußballfans übernahmen diesen Look als eine Art Uniform, auch zur Abgrenzung von den „gewöhnlichen“ Fußballfans. Label wie Stone Island, Burberry, Lacoste, Prada, Hugo Boss oder Mandarina Duck bestimmten in England das Bild der Szene. In Deutschland setzten sich Sweatshirts und Pullover Shirts der Marken Carharrt, Fred Perry, Tesco, Iceberg oder auch Best Company durch, dazu Jacken – häufig mit Kapuzen oder hohem Kragen oder Windbreaker – von Chevignon, Blue System, Replay oder Diesel. Kombiniert werden diese mit Streetwear anderer bekannter Marken wie Lonsdale London, Cordon, New Balance, Pit Bull, adidas, Everlast, Troublemaker, Hooligan Streetwear, black brain oder Umbro. Da die anfängliche Uniformierung schnell dazu führte, dass die Polizei Träger bestimmter Marken besonders ins Auge fasste, trifft man heute kaum noch einheitliche Kleidung innerhalb einer Gruppe an, statt dessen wird ein unauffälliges Äußeres bevorzugt.
Manche dieser Marken sind ebenso in der Nazi-Szene beliebt – wie auch immer wieder politische Rechtsaußen den Anschluss an die sich als unpolitisch betrachtenden Hooligans suchten und fanden. Offizielle geht man von einem Anteil von zehn Prozent Rechtsradikalen unter den Hooligans aus.
Ultras – Echte Fanatiker
Die Ultrà-Bewegung stammt anders als die Hooligans nicht aus England, sondern aus Italien. Hier schlossen sich in den 1950ern und 1960ern erst mal jugendliche Fußballfans zu Gruppen zusammen, um ihre Vereine zu unterstützen. Man fuhr gemeinsam zu Auswärtsspielen und tat sich durch einstudierte Choreographien, Trommeln sowie laute Stadiongesänge hervor. Dies sind auch heute noch die hervorstechenden Merkmale der Ultras. Ihre Aktionen finanzieren sie durch Mitgliedsbeiträge und den Verkauf eigener Fanartikel.
Für die Ultras steht das Fußball im Mittelpunkt, nur etwa zehn bis 20 Prozent werden als gewaltbereit eingeschätzt. Die meisten sehen die zunehmende Kommerzialisierung des Spiels inklusive Konsumzuschauern und „VIP-Fans“ mit Widerwillen – sie stehen der Vereinsführung meist deutlich kritischer gegenüber als der „normale“ Fan, weil sie sich nicht vorschreiben lassen wollen, wie sie ihre Mannschaft „anfeuern“. Das in den Stadien verbotene bzw. in sehr engen Grenzen erlaubte Zünden bengalischer Feuer ist einer der wichtigsten aktuellen Streitpunkte. Von anderen Fans kritisch gesehen, wird vor allem der „Alleinvertretungsanspruch“ der Ultras, die mancherorts auch starken Einfluss auf die Vereinspolitik haben.
Ultra-Dokumentation “Gate 8″
„Hauptfeind“ der Ultras sind vor allem die Ordnungshüter und nicht die Fans anderer Vereine. Trotzdem kann es auch zwischen Ulta-Gruppen verschiedener Vereine zu Schlägereien kommen, wenn z.B. Fanutensilien des Gegners gestohlen werden.
Optisch hat sich bei vielen Ultras ein „Anarchisten“-Look durchgesetzt, der vor allen vom Schwarzen Block her bekannt war: Mütze, Zipper, Jogginghosen oder Jeans, abgenutzte Sportschuhe und nicht zu vergessen Sonnenbrille und Bauchtasche – alles in Schwarz versteht sich. Das ist aber nur die halbe Wahrheit: Denn viele Ultras machen ihre Sachen selbst bzw. lassen ihre Kleidung nach eigenen Entwürfe professionell herstellen. Das Bekenntnis zum Verein und zu ihrer Gruppe spielt dabei selbstverständlich die zentrale Rolle: Kapuzenpullis, Schals, Jacken und Käppis mit dem eigenen Logos und auch die unvermeidbaren Aufkleber.
Nachrichten aus der Ultra-Szene: Ultra-Fans.de
Unter der Totenkopfflagge
Eine singuläres Phänomen in Deutschland sind die Fans von St. Pauli. Weil sich die Nordlichter – anders als viele andere Vereine – seit langem gegen rassistische Tendenzen in den Stadien zur Wehr setzen, haben sie auch die Sympathie vieler Nicht-Fußballfans und Nicht-Hamburger gewonnen. Dank der heterogenen, bunten Fanschar sowie der einzigartigen Partyatmosphäre ist St. Pauli mittlerweile „Kult“ geworden – und das in ganz Europa! St. Pauli gilt über seine Fußballszene hinaus als weltweites Symbol für Punk und verwandte Subkulturen. Das äußerst sich auch in den beiden Hymnen des Vereins: Jedes Heimspiel wird mit dem Metal-Kracher „Hells Bells“ von AC/DC eröffnet, bei jedem Heimtor läuft „Song2“ von Blur. Andererseits zählen zu den Fans des Hamburger Clubs auch viele Bekannte Musiker so von Asian Dub Foundation, KMFDM, Die Ärzte, Fettes Brot, Sugur Rós oder Sisters Of Mercy-Mastermind Andrew Eldritch, der mit seiner Gruppe die Gothic Szene wesentlich prägte (auch wenn Eldritch das G-Wort hasst.). Und die Pauli-Fans
Höllenglocken auf St. Pauli
Offen bekennen sich die St.-Pauli-Fans – trotz der ungewöhnlichen Vereinsfarben weiß und braun – zu ihrer politisch linken Einstellung und engagieren sich über den Verein hinaus in sozialen Projekten oder nahmen – auch im Sinne der Anwohner – Einfluss auf den geplanten Stadionneubau. St.-Pauli-Fans, deren markantes Wahrzeichen das der Hausbesetzerszene entliehene Totenkopflogo ist, verstehen sich selbst als Underdogs und sind stolz auf diese Stellung. Eine Ultraszene gibt es übrigens auch auf St. Pauli und die steht – kaum verwunderlich – der Antifa und nicht rechten Gruppierungen nahe.